Tote Zeugen lügen nicht

Bjørn Bottolvs hat Glück: Er ist Skandinavier. Die Krimiautoren aus dem hohen Norden konnten schon vor geraumer Zeit ihre traditionelle eher betulichen Kollegen aus England und die schicken Italiener mit ihren Beschreibungen von Mahlzeiten verdrängen und sich ihre eigene Nische auf dem Literaturmarkt erobern.
Bei uns ist Bjørn Bottolvs noch nicht ganz so bekannt wie etwa Henning Mankell oder der Isländer Arnaldur Indriðason. Ich vermute aber, dass er sich bald genauso fest etablieren wird wie seine zwei berühmteren Kollegen.
Der Osloer Polizist Jo Kaasa muss einem Arzt eine schreckliche Nachricht überbringen: Seine Frau und seine kleine Tochter sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Für Jo ist das Schlimmste, was er sich vorstellen kann – aber das Schicksal hat ein Einsehen mit ihm. Sozusagen. Denn der Arzt ist ebenfalls tot, ermordet.
Ausgehend von dieser sonderlichen Situation entspinnt sich eine Geschichte um skurille Charaktere und menschliche Leidensgeschichten: Bei dem Toten wird eine weinende Babypuppe gefunden, eine Frau zündet Kerzen für tote Kinder an, und was hat überhaupt die illegale Einwanderin Natalia mit der ganzen Sache zu tu?
Die Geschichte wird vergleichsweise wortkarg erzählt, was mir immer sehr skandinavisch vorkommt. Als Leserin habe ich immer den Eindruck, es wird vieles einfach nicht gesagt, aber die Charaktere wissen es am Ende trotzdem. Die Handlung an sich fand ich nicht so fesselnd wie bei anderen Krimis, aber dafür sind die Figuren sehr sympathisch. Allen voran natürlich Jo Kaasa und sein Kollegin Riitta, eine Samin. Sie sind liebevoller beschrieben als die “eigentliche” Handlung, und sie waren es auch, die mich sozusagen bei der Stange gehalten haben. Eigentlich ist die Krimi-Handlung kaum mehr als der Hintergrund, vor dem sich das Leben der Hauptfiguren abspielt. Das ist nicht unbedingt negativ!
Übrigens finde ich es sehr ärgerlich, dass in der Inhaltsangabe zum Buch steht, Jo und Riitta müssten dem Arzt den Tod seiner Familie mitteilen – das stimmt überhaupt nicht. Das ändert natürlich nichts am Buch, aber es ist einfach seltsam, dass ein Verlag nicht weiß, was in seinen Büchern passiert!
Insgesamt kann ich “Tote Zeugen lügen nicht” allen Freunden skandinavischer Krimis empfehlen. Wer es nicht so hart mag wie bei Sjöwall/Wahlöö, und nicht ganz so bedrückt wie bei Henning Mankell, der kann hier durchaus auf seine Kosten kommen.
Über den Autor:
Bjørn Bottolvs war selbst Polizist, bevor er 1999 seinen ersten Krimi veröffentlichte. Man darf davon ausgehen, dass die norwegische Polizei authentisch geschildert ist.Inzwischen gibt es schon fünf Romane mit dem Polizisten Jo Kaasa. Auf Deutsch ist bisher nur “Tote Zeugen lügen nicht” erschienen.
Tote Zeugen lügen nicht von Bjørn Bottolvs ist erschienen bei Knaur. ISBN 3-426-50208-9 bzw. 978-3-426-50208-2; Taschenbuch, 304 Seiten, 8,95 Euro (UVP). Auch als e-Book für 8,99 Euro erhältlich.
Fans von Skandinavien-Krimis finden bei der Krimi-Couch eine Liste von Autoren: Morden im Norden.
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